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(21.11.09)

Tipp-Bereich 2:  Betriebssysteme außer Windows (G 13-19)
Tipp-Gruppe 15: Betriebssystem: Macintosh

Tipp 15-6 : Screen Reader und Zoom bei Mac OS X 10.6

Kurz-Info

Zur Benutzung des Apple-Betriebssystems Mac OS X 10.6 durch Sehbehinderte und Blinde hat Herr Jürg Cathomas diesen detaillierten Bericht erstellt (Stand November 2009). Der Tipp enthält sehr konkrete Bedienungsanleitungen, aber auch Vergleiche mit anderen Großschriftprogrammen und Screen Readern auf anderen Betriebssystemen. Zum Apple Screen Reader Voice Over siehe auch Tipp 15-5.

Beschreibung

Hilfen für Sehbehinderte und Blinde in Mac OS X 10.6

von Jürg Cathomas

In Apples Betriebssystem Mac OS X sind eine Vergrösserung namens Zoom und ein Bildschirmleseprogramm (Screenreader) namens VoiceOver) Bestandteil des Betriebssystems und müssen deshalb nicht käuflich erworben werden. Das hat aber auch zur Folge, dass es kein Konkurrenzprodukt gibt, auf das man zurückgreifen könnte, wenn man mit den angebotenen Möglichkeiten nicht zufrieden ist.
In diesem Artikel werden die beiden Hilfsmittel besprochen und aufgezeigt, wo die Vor- und Nachteile gegenüber anderen Hilfsmitteln, insbesondere unter Windows, liegen.

1. Vergrösserung" Zoom"

Nebst der Sprachausgabe VoiceOver gibt es noch eine integrierte Vergrösserung namens Zoom. Diese Hilfe für Sehbehinderte bietet definitiv mehr als die Bildschirmlupe von Windows. Bei zunehmender Vergrösserungsstufe wird aber die Schrift unleserlich (Stichwort Kantenglättung). Betroffene wünschten sich hier eine ähnlich gute Qualität wie bei kommerziellen Produkten unter Windows.
Da die Vergrösserung im Gegensatz zu den relativ teuren Windows-Lösungen kostenlos ist, sind aber die Benutzer recht tolerant und behelfen sich mit Workarounds wie grossen Bildschirmen oder separater Einstellung der Schriftgrösse in einzelnen Programmen.

2. Sprachausgabe VoiceOver

VoiceOver kann zwar auf jedem Apple-Gerät mit Cmd-F5 gestartet werden, jedoch spricht es dann nur englisch. Wer eine andere Sprache will, muss sie online für ungefähr Fr. 150 kaufen.

2.1. Navigieren mit VoiceOver

Zwar kann man sich beim Mac OS wie in Windows mit Tabulator von Element zu Element bewegen und mit den Cursortasten aus einer Liste auswählen, Apple möchte aber, dass man mit der sogenannten VoiceOver-Navigation arbeitet.
Tatsächlich ist man oft auf die VoiceOver-Navigation angewiesen, da man mit der normalen Navigation oft nur weiss, dass man z. B. in einem Eingabefeld steht, die Information, wozu dieses Eingabefeld dient, erhält man erst durch Navigieren, meist durch Navigieren nach links. Screenreader in anderen Betriebssystemen versuchen, diese Information automatisch beim Erreichen eines Feldes anzuzeigen.
Die VoiceOver-Navigation unterscheidet sich grundsätzlich von der Navigation mit Screenreadern in Windows oder Linux. Man bewegt sich mit speziellen Navigationsbefehlen von Objekt zu Objekt, und gelangt so auch auf Textbereiche, wo man mit der "normalen" Mac-Navigation nicht hingelangt und bei anderen Screenreadern auf einen speziellen Lesecursor umschalten muss.
Das hat zwar den Vorteil, dass der Blinde sich im Mac OS nur mit einem einzigen Cursor herumschlagen muss, dafür führt diese Art der Navigation oft dazu, dass man lange auf dem Bildschirm herumfahren muss, bis man das gewünschte Element gefunden hat.
Theoretisch sollte der VoiceOver-Cursor bei einem neu erscheinenden Fenster dort stehen, wo der normale Cursor (genauer gesagt, der Fokus) steht, in der Praxis funktioniert das aber leider kaum.
Und einen weiteren, gewichtigen Nachteil hat die VoiceOver-Navigation: Trifft man auf ein komplexeres Objekt wie z. B. eine Tabelle, muss man einen speziellen Befehl ausführen, um dieses Objekt durchlesen zu können. Mac spricht dabei von der "Interaktion" mit einem Objekt. Zwar würde man durch die automatische Hilfe (siehe unten) darauf hingewiesen, wie das geschehen muss, in der Praxis kommt diese Meldung aber so spät, dass man sie kaum zur Kenntnis nehmen wird. Und, nachdem man vielleicht einige Zeit darauf verwendet hat, eine Tabelle zu studieren, muss man daran denken, dass man erst weiternavigieren kann, nachdem man mit einem anderen Befehl die Interaktion mit der Tabelle wieder beendet hat.
Im Gegensatz zu allen anderen Screenreadern versucht VoiceOver auch gar nicht, automatisch anzuzeigen, wie der Stand einer längeren Transaktion ist, z. B. der Download einer grösseren Datei. Mir viel das unangenehm auf, als ich ein Google-Konto einrichtete. Sehr schön ist, dass hierfür nur der Benutzername und das Passwort eingegeben werden müssen. Der Rest geht vollautomatisch, dauert aber leider einige Sekunden. Da mir VoiceOver das nicht automatisch mitteilte, meinte ich zuerst, das System hänge. Erst als ich mit der VoiceOver-Navigation den Bildschirm erforschte, kam die Meldung, dass ein Vorgang noch nicht abgeschlossen ist.
Erfahrenere Benutzer wenden die normale und die VoiceOver-Navigation gemischt an. Hierfür ist aber ein profundes Verständnis der beiden Techniken nötig. Als Beispiel der oben erwähnten Konzepte der Navigation kann der Ausschalt-Dialog genommen werden:
Zum Abschalten drückt man kurz auf den Ein/Aus-Schalter am Gerät. Der Systemfokus steht auf "Neu starten", die Default-Taste ist "Ausschalten".
Dank der normalen Navigation kann man mit der Leertaste also den Computer neu starten und mit Enter ausschalten.
Der VoiceOver-Cursor landet meistens auf dem Textfeld mit der Frage, was man nun tun möchte (manchmal landet er aber auch auf "neu starten" und liest dann die Frage gar nicht vor).
Möchte man nun mit der VoiceOver-Navigation zum Schalter "Ausschalten" gehen, müsste man viermal nach rechts navigieren.

2.2. VoiceOver-Hilfen

Die Hilfefunktionen sind sehr vielfältig vorhanden, es gibt
- eine Tastaturhilfe
- eine Befehlsübersicht, gegliedert nach Themen
- ein interaktives Lernprogramm und ein
- Online-Handbuch (leider nur auf englisch)

Das Lernprogramm geht nur auf die Navigation mit dem VoiceOver-Cursor ein. Am Hilfreichsten war für mich die Befehlsübersicht, wenn man erst einmal gemerkt hat, in welcher Kategorie man die Befehle suchen muss.
Wie andere Screenreader bietet VoiceOver ausserdem auch eine situationsabhängige Hilfe an, die einem z. B. sagt, dass man jetzt auf einem Schalter steht, den man aktivieren kann. Raffiniert dabei ist, dass man wählen kann, nach wie vielen Sekunden der Untätigkeit erst diese Hilfe kommen soll, währenddem sie bei anderen Screenreadern sofort angesagt wird. Wie immer bei solchen Hilfestellungen überfordern sie oft Anfänger und nerven fortgeschrittene Benutzer.
Bei der Textverarbeitung lautet die Hilfemeldung beispielsweise: "Sie befinden sich derzeit auf (es folgt eine Denkpause) Textbereich innerhalb von Rollbereich".

2.3. VoiceOver-Einstellungen

Mich hat positiv überrascht, wie vielfältig VoiceOver konfiguriert werden kann. Und hat man sich einmal vertan und eine Einstellung gewählt, die zu einem unverständlichen Verhalten führt, kann man einfach auf die Grundeinstellungen oder eine zuvor gesicherte Variante zurückschalten. (Zuvor sollte man sich aber den Befehl der Stimmumschaltung Wünschenswert wäre es, die Einstellungen programmspezifisch vornehmen zu können, was momentan nur für die Aussprachekorrektur möglich ist.
So müsste man z. B. in der Textverarbeitung das Trackpad ausschalten können, da es mir mehrmals beim Schreiben passiert ist, dass ich damit ungewollt etwas auf dem Bildschirm anklickte.

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2.3.1. Stimmeinstellungen

Wenn man mehrere Stimmen der gleichen Sprache erworben hat, kann man unterschiedlichen Sprachmeldungen unterschiedliche Stimmen zuweisen. Das kann helfen, den Wust an Informationen, den man normalerweise verpasst bekommt, besser einzuordnen.

2.3.2. Befehlszuweisungen zu Gesten und zum Ziffernblock

VoiceOver bietet, wie andere Screenreader auch, viele, teilweise sehr hilfreiche Befehle an. Will man sie auf der normalen Tastatur ausführen, muss man hierfür 3 bis 5 Tasten gleichzeitig drücken. Es ist klar, dass es darunter Befehle gibt, die ergonomisch ungünstig sind und andere, die man sich kaum merken kann.
Es ist deshalb toll, dass man auch das in vielen Macbooks vorkommende Trackpad oder den Ziffernblock für vordefinierte und selber definierte Befehlszuweisungen nutzen kann. Man kann den ganzen Ziffernblock einzeln oder in Kombination mit einer der 4 Sondertasten oder der Ziffer 0 für eigene Befehlszuweisungen nutzen. Trackpad-Gesten kann man nur zusammen mit einer der 4 Sondertasten definieren, die vordefinierten Gesten (mit einem oder mehreren Fingern ohne Sondertasten streichen oder klopfen) können nicht umdefiniert werden. Mit diesen Möglichkeiten ist es z. B. einfach, Befehle für die Navigation im Web so zu legen, dass man weitgehend entweder nur mit Gesten oder nur mit dem Ziffernblock zu arbeiten braucht.

2.4. Surfen im Web

Im Gegensatz zu den meisten anderen Screenreadern verzichtet VoiceOver auf den virtuellen Cursor im Internet. Das zeilenweise durchlesen einer Webseite ist dadurch nicht möglich, man springt vielmehr von Element zu Element, das sind meistens links, Formularfelder und Textabsätze, können aber je nach Gestaltung der Seite auch einzelne Zeichen sein.
Solange man nicht einzelne Zeilen oder Wörter genauer anschauen will, kann man damit oft bequem durch die Seiten navigieren.
Auch verzichtet VoiceOver auf den Formularmodus, den man bei vielen Screenreadern beherrschen muss, um in ein Textfeld schreiben zu können. Mit diesem Formularmodus anderer Screenreader haben viele weniger versierte Anwender zu kämpfen. Dafür muss man in VoiceOver rechtkomplexe Tastenkombinationen ausführen, um z. B. von Feld zu Feld oder von Überschrift zu Überschrift zu springen. Diesen Nachteil kann man aber weitgehend ausgleichen, wenn man den Ziffernblock oder Gesten für die Navigation im Web definiert (siehe oben). Dies macht aber erst Sinn, wenn man möglichst alle Navigationsbefehle (also auch das Springen von Link zu Link) auf diese Art definiert, denn sonst muss man ständig zwischen der normalen Tastatur und dem Ziffernblock bzw. dem Trackpad wechseln.

2.5. Textverarbeitung

Integriert ins Betriebssystem ist eine einfache Textverarbeitung. VoiceOver las mir beim Schreiben immer wieder Informationen von Programmen im Hintergrund vor und wenn ich einen Tippfehler korrigieren wollte, kam anstelle des zu löschenden Buchstabens die Ansage "Tippfehler".
Sehr störend ist aber ein generelles Phänomen beim Schreiben von Text im Mac-Betriebssystem: Währenddem ich bei Windows immer weiss, dass der Cursor vor dem aktuell gesprochenen Buchstaben oder Wort steht, trifft das bei Mac nicht zu. Wenn ich mich z. B. wortweise im Text vorwärts bewege, steht der Cursor immer hinter dem gesprochenen Wort, wenn ich mich rückwärts bewege, steht er jedoch vor dem aktuell gesprochenen Objekt. Das erfordert einen unnötigen Mehraufwand an Konzentration.
Wer übrigens auf eine ausgefeiltere Office-Lösung zugreifen will, hat es schwer: Das kostenlose Open Office lässt sich gemäss Erfahrungen anderer Benutzer mit VoiceOver nur sehr schlecht bedienen.

3. Fazit

Allein die Tatsache, dass Hilfsmittel bereits im Betriebssystem integriert sind, garantiert noch nicht ein reibungsloses Funktionieren derselbigen.
Meine Befürchtung, dass Apple ähnlich wie Windows die Hilfsmittel nur ganz rudimentär und ohne Weiterentwicklung integriert hätte, hat sich nicht bestätigt. Mindestens VoiceOver entwickelt sich mit jeder Betriebssystemversion weiter.

3.1. Fazit für Sehbehinderte

Wer aus irgendeinem Grund mit einem Mac-Rechner arbeiten will, kann sich in einem Apple-Shop beraten lassen und prüfen, ob die eingebaute Vergrösserung für ihn reicht. Man kann Termine in Apple-Shops online vereinbaren und sich bis zu 1 Std. kostenlos beraten lassen.

3.2. Fazit für Blinde

Wer aus irgendeinem Grund mit einem Apple arbeiten muss, kann dies sicher, zumindest in den wichtigsten Anwendungen. Mir viel aber der Umstieg von Windows auf Mac wesentlich schwerer als der Umstieg auf Linux
VoiceOver stellt mit seiner eigenen Navigation einen Exoten unter den Screenreadern dar. ähnliche Exoten gab es anfangs in der Windows-Welt auch, sie sind aber inzwischen von der Bildfläche verschwunden. Das wird VoiceOver nicht passieren, denn auf seinem Gebiet ist es konkurrenzlos.
Einfach auf einen Mac umzusteigen, weil es cool ist ein anderes Betriebssystem zu nutzen als Windows, würde ich nur ausgesprochenen Freaks empfehlen. Die Tatsache, dass es eine kleinere Programmauswahl als bei Windows, besonders bei der Freeware gibt, lässt bei mir die Coolness von Mac OS etwas verblassen. Kommt noch dazu, dass die Apple-Produkte im oberen Preissegment anzutreffen sind und die günstigen Netbooks ganz fehlen.
Die Möglichkeit, mit Gesten den Screenreader zu steuern, stellt eine neue, coole Dimension bei den Eingabegeräten dar. Einen grossen Mehrwert kann ich aber nicht darin sehen. Hingegen kann die Nutzung des Ziffernblocks für die Einhandbedienung hilfreich sein.

3.3 Alternative Kostenlose Hilfsmittel

Wer einen kostenlosen Screenreader unter Windows sucht, kann sich NVDA anschauen. Und muss es dann unbedingt ein anderes Betriebssystem sein, dann gibt es ja auch bei vielen Linux-Distributionen einen kostenlosen, fix eingebauten Screenreader namens Orca.
Dieser enthält nebst der Sprachausgabe auch eine Vergrösserungsmöglichkeit ähnlich wie Zoom.
Einfach z. B. die Linux-Distribution Ubuntu herunterladen, eine bootbare CD brennen und an jedem aktuellen Rechner problemlos ausprobieren!

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