Satis Tipps

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(12.12.08)

Tipp-Bereich 11: Sonstiges (G 85-99)
Tipp-Gruppe 95: Audio-Formate, CD-Player, Sound (2)

Tipp 95-8: EASYWAVE (Audio-Nachbearbeitung)

Kurz-Info

Wenn Blinde Sounddateien nachbearbeiten wollen, wird Ihnen in der Regel das teure professionelle Programm SOUNDFORGE empfohlen. In diesem Tipp wird alternativ das seit 2008 kostenlose und speziell für Blinde entwickelte EASYWAVE vorgestellt.
Es handelt sich bei diesem Tipp um den Artikel "Sound-Editor EasyWave - viel Praxis drin für wenig Geld" von Martin Kirchner aus der Zeitschrift DISPLAY 1-2008 der ISCB.
Mehr Informationen erhält man unter:: http://softcologne.de/winprogs/winprogs.htm

Beschreibung

Sound-Editor EasyWave - viel Praxis drin für wenig Geld

von Martin Kirchner
mit freundlicher Genehmigung aus der Zeitschrift DISPLAY 1-2008 der Interessengemeinschaft sehgeschädigter Computerbenutzer

Sound-Editoren? Brauch die denn überhaupt noch jemand? Die werden einem doch spätestens seit Nero 6 gleich im Dutzend hinterhergeschmissen. Ach so! Für blinde Anwender bedienbar! Hm, da gibt es doch dieses Programm Soundforge. Das hört weitgehend auch auf Tastaturkommandos, wird von Musikern weltweit schon seit Jahren gerne eingesetzt und ... liefert für teures Geld eine Menge Funktionen, die man, wenn man mal so richtig ehrlich ist, zumindest als semiprofessioneller Anwender so gut wie nie braucht. Vielleicht war dies der Grund dafür, weshalb sich Wolfram Floßdorf, Inhaber der "kleinfeinen" Software-Schmiede SoftCologne aus Köln, eines Tages daranmachte, das Programm EasyWave zu entwickeln. Version 2008 wurde am 27.10. dieses Jahres veröffentlicht.

Die Bedienung:

EasyWave wird ausschließlich über eindeutig beschriftete Buttons gesteuert, besitzt also kein Pull-down-Menü. Somit sind alle Funktionen des Programms von Anfang an schnell zu finden. Easywave kann - unabhängig von der jeweils verwendeten PC-Zugangssoftware - von blinden Anwendern uneingeschränkt bedient werden. Praktisch jedem der Buttons ist eine Tastenkombination zugeordnet, mit deren Hilfe sich die Handhabung genial einfach gestaltet. So erreicht man den Schnellstart einer Aufnahme durch Drücken von ALT+a, den Stopp einer Aufnahme durch ALT+s etc. ALT+b bringt einen zum Funktionskomplex "Bearbeiten", ALT+3 zur Abteilung "MP3". In allen Sektionen des Programms sorgen klar definierte Button-Beschriftungen für ein schnelles Verständnis der jeweils gebotenen Möglichkeiten. Abgerundet wird das - für mein Empfinden - beispielhafte Bedienungskonzept von EasyWave durch eine mit ALT+h jederzeit verfügbare Kontextbezogene Hilfefunktion.

Die Funktionen:

Entsprechen im Kern all dem, was man heute von einem erwachsenen Sound-Editor ohne zusätzliche "Helferlein", also ohne irgendwelche Effekt-Plugins von Drittanbietern, nachgeschalteten Soundprozessormodulen etc. erwarten kann. Alles ist aber eben - im Gegensatz zu praktisch allen anderen Sound-Editoren am Markt - für blinde Anwender wirklich kompromisslos vollständig bedienbar. Es gibt einen reichhaltigen Funktionskomplex rund um die Bearbeitung vorher markierter Passagen innerhalb eines Tracks, also von Blöcken, eine in zwei Stufen wählbare Spulfunktion, deren Arbeit selbstredend akustisch verfolgt werden kann, Funktionen zum einfügen und zur Anpassung des Pegelniveaus von Tracks in bereits Bestehende, eine Funktion zum Einfügen zeitdefinierter Pausen, einen Entknacker, ein Helferlein zum weichen Ein- und Ausblenden von Aufzeichnungen, eine Konvertierungsfunktion von Wave nach MP3 und vieles vieles mehr.

Aufzeichnungsformat und Qualitätsvarianten:

Als generelles Bearbeitungsformat ist Wave festgelegt. Folgende, insgesamt 16 Aufzeichnungsqualitäten stehen zur Verfügung:

1. 44Khz 16Bit Stereo
2. 22Khz 16Bit Stereo
3. 11Khz 16Bit Stereo
4. 44Khz 8Bit Stereo
5. 22Khz 8Bit Stereo
6. 11Khz 8Bit Stereo
7. 44Khz 16Bit Mono
8. 22Khz 16Bit Mono
9. 11Khz 16Bit Mono
10. 44Khz 8Bit Mono
11. 22Khz 8Bit Mono
12. 11Khz 8Bit Mono
13. 24Khz 16Bit Stereo
14. 32Khz 16Bit Stereo
15. 48Khz 16Bit Stereo
16. 96Khz 16Bit Stereo

Da staunt der Kenner und der Laie wundert sich - selbst für die eigentlich nur im Studioeinsatz relevante Qualitätsvariante 96Khz 16Bit Stereo gibt es in EasyWave eine Voreinstellung.

Aufnehmen generell:

Für EasyWave gilt hier: Was als Eingangssignal am PC anliegt und von diesem entsprechend akzeptiert wurde, wird aufgenommen und zwar so lange, bis die Festplatte voll ist. Buttons zum Pausieren und Fortsetzen einer Aufzeichnung gibt es natürlich. Die beiden Buttons für Aufnahme und Stop sind so angeordnet, dass sie nach dem Auslösen einer der beiden Funktionen direkt fokussiert werden, dass also durch Drücken der Leertaste zwischen den Funktionen umgeschaltet werden kann. Das Beenden eines gerade erstellten und der Beginn eines neuen Tracks ist damit sozusagen on the fly möglich. Die Tracks werden neutral bzw. mit der Bezeichnung Track, gefolgt von einer dreistelligen Nummer benannt. Für das eventuell notwendige Umbenennen eines Tracks gibt es selbstverständlich eine eigene Funktion. Beim Umbenennen wird die für Wave-Dateien bis heute tatsächlich immer noch geltende Namenskonvention, also maximal 8 Schriftzeichen im Namen, gefolgt von der Dateierweiterung WAV, strikt beachtet. Ein besonderes Highlight der Funktionengruppe Aufnahme ist bei Easywave die integrierte Übersteuerungsanzeige. Dabei wird bei zu hoch geregeltem Eingangssignal ein Warnton über den PC-Lautsprecher hörbar, welcher erst vollständig verstummt, wenn das Eingangssignal auf einen aufzeichnungsqualitativ verträglichen Wert heruntergeregelt wurde. Dies funktioniert auch beim Pausieren einer Aufzeichnung. Somit kann die Feinabstimmung der Aussteuerung komplett im Pausenbetrieb erfolgen, was fast schon wehmütig an die Zeit der analogen Tonaufzeichnung erinnert.

Wiedergabeformate:

Sind Wave und MP3, wobei SoftCologne den beiden Formaten eigene Anzeige- und Funktionenfenster spendiert hat, wie es diese auch schon beim Vorgänger von EasyWave, also von WaveViaLine gab. Diese Fenster erlauben das unkomplizierte Management von Tracks beider Formate. Sympathisch im Zusammenhang mit dem MP3-Fenster ist, dass man bei dessen Aufruf gleich erfährt, welche der nun angezeigten MP3-Tracks auch als Wave-Variante vorliegt. Umgekehrt erscheinen im Wave-Fenster Hinweise darauf, ob eine Wave-Datei bereits nach MP3 konvertiert wurde.

Die Kreativ-Spielecken:

Sind für mich eindeutig der in Easywave integrierte 2-Track-Mixer und die Pitch-Funktion im Bereich MP3-Wiedergabe. Beim Mixer können zwei Wave-Tracks derselben Aufzeichnungsqualität entweder synchron oder auch zeitversetzt und sogar mit jeweils unterschiedlichen Lautstärkepegeln gemischt werden. So erzeugte "Trackpärchen" lassen sich dann wiederum ebenfalls zu neuen Tracks oder zu weiteren Paaren zusammensetzen ... dem kreativen Spiel mit "Ohrbildern" stehen also eine Menge Türen und Tore offen. Ein - mindestens - Tor des Monats, wer sich solch wundervoller Möglichkeiten geizgeil verschließt!

Apropos Geiz:

EasyWave mit all seinen wirklich durchdachten Möglichkeiten gibt es nicht für lau. Aber Easywave ist andererseits trotzdem nicht teuer (Anmerkung: seit 2008 kostenlos!). Weitere Details zum Erwerb (...) erhält man unter: http://softcologne.de/winprogs/winprogs.htm

Fazit:

Das Lamento über immer mehr Anwendungen, welche sich aufgrund ihrer rein visuell orientierten Oberflächen konsequent jeder Zusammenarbeit mit Screenreadern entziehen, ist leider mehr und mehr berechtigt. Und dass es sich bei diesen "Übeldingern" keineswegs nur um Noname-Produkte handelt, ist auch nichts Neues. Um so erfreulicher, dass mit solchen Schöpfungen wie EasyWave so ab und zu doch noch mal ein echter Glücksgriff in unserem Sinne gelingt, mit welchem sich eine - für mein Empfinden - durchaus realistische digitale Ausgrenzung blinder und sehbehinderter Menschen sicherlich nicht vom Tisch fegen lässt, welcher aber eben auch nachdrücklich zeigt, dass es eine höchst lebendige Welt jenseits des Massengeschmacks gibt, die es gilt, so ernst wie nur irgend möglich zu nehmen.

EasyWave ist ein vom Preis/Leistungsverhältnis her unschlagbares Muss für all diejenigen, die einen schnellen und trotzdem anspruchsvollen Zugang zu Arbeit und Spiel mit Audiodateien suchen. Mein Urteil: 6 von 6 möglichen Ohrenäuglein.

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